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<title>Pepo</title>
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<h1 id="firstHeading" class="firstHeading mw-first-heading"><span class="mw-page-title-main">Pepo</span></h1>
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<div id="mw-content-text" class="mw-body-content mw-content-ltr" lang="de" dir="ltr"><div class="mw-content-ltr mw-parser-output" lang="de" dir="ltr"><p><b>Pepo</b> (<a href="Swahili_(Sprache)" title="Swahili (Sprache)">Swahili</a>, „Wind“, Plural <i>pepo</i> oder <i>mapepo</i>, auch <i>sheitani, shetani</i> von <a href="Arabische_Sprache" title="Arabische Sprache">arabisch</a> <bdo dir="ltr"><bdi dir="rtl" lang="ar" class="arabic spanAr" style="unicode-bidi:isolate;font-size:120%;">شيطان</bdi></bdo> <i><span lang="ar-Latn" style="font-style:italic"><a href="Satan" title="Satan">Schaitan</a></span></i>, <a href="DIN_31635" title="DIN 31635">DMG</a> <i><span lang="ar-Latn" style="font-style:italic">Šaiṭān</span></i>) ist der Oberbegriff für eine Gruppe <a href="Besessenheit" title="Besessenheit">Besessenheit</a> auslösender <a href="Geistwesen" title="Geistwesen">Geister</a> in der Kultur der <a href="Swahili_(Gesellschaft)" title="Swahili (Gesellschaft)">Swahili</a> an der <a href="Ostafrika" title="Ostafrika">ostafrikanischen</a> Küste in <a href="Kenia" title="Kenia">Kenia</a> und <a href="Tansania" title="Tansania">Tansania</a>. Die überwiegend als böswillig geltenden, wandernden <i>pepo</i> befallen vor allem Frauen und lösen Krankheiten aus, gegen die üblicherweise ein mehrtägiges Heilungsritual durchgeführt wird. Dabei ermittelt zuerst ein Wahrsager/Heiler den Namen des Geistes. Der Geist äußert sich in seiner Sprache durch den Mund des besessenen Patienten und gibt sich dadurch zu erkennen. Nachfolgend kann er in einer auf ihn zugeschnittenen Tanzzeremonie (<i>ngoma</i>) besänftigt oder vertrieben werden. Daneben werden erbliche <i>pepo</i> beschrieben, die wohlwollend sind und als Schutzgeist fungieren.
</p><p><i>Pepo</i>, deren Zahl unbestimmt groß ist, gelten als <a href="Islam" title="Islam">islamisch</a>, christlich oder ungläubig und gehören unterschiedlichen ethnischen Gruppen an. Sie bilden mit anderen Gruppen von Geistern eine komplexe Welt jenseitiger Mächte, die aus einer Vermengung von islamischen Glaubensvorstellungen mit afrikanische <a href="Ahnenkult" title="Ahnenkult">Ahnenkulten</a> entstanden sind. Die Verehrung der meisten <i>pepo</i>-Geistergruppen gehört zu der in Afrika weit verbreiteten Vorstellung einer Besessenheit durch Fremdgeister.
</p>
<div class="mw-heading mw-heading2"><h2 id="Wortbedeutung">Wortbedeutung</h2></div>
<p>Die Bezeichnungen für die Phänomene der Geisterwelt stammen ihrer Herkunft nach aus der arabischen Sprache oder aus der <a href="Bantusprachen" title="Bantusprachen">Bantusprache</a> Swahili. Ein arabischer Name impliziert einen historischen Zusammenhang mit arabischen Händlern an der Küste, ein Geistwesen mit einem bantusprachigen Namen ist afrikanischer Herkunft. Mit diesem Hintergrund kann der ansonsten identische wohlwollende Geist arabisch als <i>ruhani</i> oder bantusprachig als <i>pepo</i> angesprochen werden.<sup id="cite_ref-1" class="reference"><a href="#cite_note-1"><span class="cite-bracket">[</span>1<span class="cite-bracket">]</span></a></sup>
</p><p>Swahili <i>pepo</i> oder <i>upepo</i> wird mit „Wind“ übersetzt, die Wortkombination <i>pepo inavuma</i> oder <i>pepo zinavuma</i> bedeutet „der Wind bläst“. Mit <i>pepo</i> steht das Verb <i>–pepa</i> in Verbindung, das „(wie ein Betrunkener) schwanken“, „taumeln“, bedeutet; ebenso <i>–pepea,</i> „(wie ein Kerzenlicht) flackern“, „flattern“, „fließen“, „mit dem Wind fliegen“. Als <a href="Kausativ" title="Kausativ">kausatives</a> Verb bedeutet <i>–pepa</i> „(mit einem Ventilator ein Feuer) beblasen“, etwa in <i>pepo inapepea,</i> „der Wind bläst (etwas) weg“. Das Substantiv <i>upepeo</i> steht für einen großen Ventilator und <i>upepe</i> für Blitzschlag. <i>Kipepeo</i> kann Ventilator oder Schmetterling heißen, in <a href="Mombasa" title="Mombasa">Mombasa</a> bedeutet auch <i>popo</i> „Schmetterling“, wobei <i>popo</i> ansonsten für „Fledermaus“ steht. Auf der Insel <a href="Pemba" title="Pemba">Pemba</a> wird eine große Zahl unterschiedlicher Geister überliefert, zu denen seit kurzer Zeit ein Geist namens <a href="Popobawa" title="Popobawa">Popobawa</a> („Fledermaus-Flügel“) gehört, der international als <a href="Moderne_Sage" title="Moderne Sage">moderne Sage</a> bekannt wurde. Die Verbindung von Wind und Geist wird in den Formulierungen deutlich: <i>kupunga upepo</i>, „(sich selbst) Wind zufächeln“, und <i>kupunga pepo,</i> was im Rahmen der Besessenheitszeremonie meint, „den Geist austreiben, indem mit einem Kuhschwanz über dem Kopf des Patienten gewedelt wird“.<sup id="cite_ref-2" class="reference"><a href="#cite_note-2"><span class="cite-bracket">[</span>2<span class="cite-bracket">]</span></a></sup> <i>Pepo</i> kann in Tansania einen guten Geist (<i>pepo mzuri</i>) oder einen bösen Dämon (<i>pepo mbaya</i>) bedeuten.<sup id="cite_ref-3" class="reference"><a href="#cite_note-3"><span class="cite-bracket">[</span>3<span class="cite-bracket">]</span></a></sup>
</p><p><i>Peponi</i> bedeutet „mit den Geistern“ und bezieht sich auf die jenseitige Welt der Geister. Aus dem alten Swahiliwort wurde in Ostafrika ein Begriff des islamischen Glaubens. Im islamischen Kontext bedeutet <i>pepo</i> – mit dem Ort <i>peponi</i> – das Paradies (arabisch <i><a href="Dschanna" title="Dschanna">dschanna</a></i>), in welches die auserwählten Gläubigen gelangen werden. In jenem lichtdurchfluteten weiten Land werden die Menschen in goldenen Palästen leben, umgeben von schönen Bäumen, Blumen und Flüssen, in denen Honig fließt. Alle werden gemeinsam fünf Mal täglich das rituelle Gebet (<i><a href="Sal%C4%81t" title="Salāt">salāt</a></i>) verrichten.<sup id="cite_ref-4" class="reference"><a href="#cite_note-4"><span class="cite-bracket">[</span>4<span class="cite-bracket">]</span></a></sup>
</p>
<div class="mw-heading mw-heading2"><h2 id="Kulturelles_Umfeld">Kulturelles Umfeld</h2></div>
<p>Im afrikanischen Kontext bedeutet Besessenheit, dass ein Geist oder eine fremde Persönlichkeit in einen Menschen gefahren ist und vollständig die Lenkung seines Organismus und seiner Psyche übernommen hat. Dies geschieht, während der Mensch in einen Zustand der <a href="Trance" title="Trance">Trance</a> oder <a href="Ekstase" title="Ekstase">Ekstase</a> fällt. Sein eigenes Bewusstsein ist in dieser Zeit abgeschaltet. Unterschieden wird, ob der Geist sich auf die Kontrollausübung über den Menschen beschränkt (englisch <i>spirit possession</i>) oder ob die Bedeutung des Phänomens wesentlich auf der Vorstellung basiert, dass der Geist über den Besessenen in Kontakt mit anderen Menschen tritt (<i>spirit mediumship</i>). Im zweiten Fall handelt es sich üblicherweise um einen religiösen Kult und der Besessene dient als Bindeglied (<a href="Medium_(Person)" title="Medium (Person)">Medium</a>) zwischen der hiesigen Welt und der Welt der Geister. Hierbei sollen insbesondere die Ahnenhäuptlinge des Clans um Hilfe gefragt und um positives Einwirken gebeten werden. Die vermutlich bedeutendste Gruppe von Medien führen ihre Besessenheit auf diese Ahnengeister der Stammesführer zurück. Auch Wahrsager begründen gelegentlich ihre Tätigkeit mit ihrer Besessenheit von einem speziellen Wahrsagegeist. Geographisches Zentrum der Besessenheitskulte der <a href="Bantu" title="Bantu">Bantu</a>-Volksgruppen im südlichen Afrika ist <a href="Simbabwe" title="Simbabwe">Simbabwe</a>. Die Stammesmedien der südlichen Bantu stehen in enger kultureller Verbindung mit den Medien der <a href="Baganda" title="Baganda">Baganda</a> im nördlich gelegenen <a href="Afrikanische_Gro%C3%9Fe_Seen" title="Afrikanische Große Seen">Zwischenseengebiet</a>.<sup id="cite_ref-5" class="reference"><a href="#cite_note-5"><span class="cite-bracket">[</span>5<span class="cite-bracket">]</span></a></sup>
</p><p>Ausgrabungen zufolge existierte im 8. Jahrhundert eine islamische Gemeinde auf der kenianischen Insel <a href="Lamu" title="Lamu">Lamu</a>.<sup id="cite_ref-6" class="reference"><a href="#cite_note-6"><span class="cite-bracket">[</span>6<span class="cite-bracket">]</span></a></sup> In mehreren Orten an der Küste gab es im 11. Jahrhundert Moscheen aus massiven Steinmauern. Die ostafrikanische Küste gehört zu den Regionen, in denen der <a href="Islam_in_Afrika" title="Islam in Afrika">Islam in Afrika</a> bereits in frühislamischer Zeit Fuß fasste. Der Islam steht allgemein in einem Austausch- und Wettbewerbsverhältnis mit den <a href="Afrikanische_Religionen" title="Afrikanische Religionen">afrikanischen Religionen</a>, die tendenziell zurückgedrängt werden. Daraus entstanden <a href="Synkretismus" title="Synkretismus">synkretistische</a> Kulte, zu denen auch die in islamisierten Gesellschaften gepflegten Besessenheitskulte gehören. Diese werden von der Mehrheit der gemäßigten Muslime allgemein toleriert, solange sie keinen politischen Einfluss ausüben.<sup id="cite_ref-7" class="reference"><a href="#cite_note-7"><span class="cite-bracket">[</span>7<span class="cite-bracket">]</span></a></sup>
</p><p>Bis zum 19. Jahrhundert hatten die von Einwanderern aus dem <a href="Oman" title="Oman">Oman</a> und anderen arabischen Ländern gestärkten Swahili durch den <a href="Ostafrikanischer_Sklavenhandel" title="Ostafrikanischer Sklavenhandel">Sklaven-</a> und Seehandel die wirtschaftliche Führung übernommen und waren zur herrschenden sozialen Klasse geworden. Es entstand eine ethnische Identität der Swahili an der Küste, die ihre „weltoffene, zivilisierte“ Kultur über den „hinterwäldlerischen, rückständigen“ Lebensstil der afrikanischen Bauern und Viehhirten im Landesinnern erhob. Die einfachste Bestimmung der aus Arabern und afrikanischen Ethnien gebildeten, pluralistischen Swahili-Gesellschaft ist die gemeinsame Sprache Swahili, eine Bantusprache mit einem beträchtlichen arabischen Wortschatz, und die Pflege einer eigenen, islamisch-synkretistischen Kultur.<sup id="cite_ref-8" class="reference"><a href="#cite_note-8"><span class="cite-bracket">[</span>8<span class="cite-bracket">]</span></a></sup> Dazu gehört die Verehrung islamischer Heiliger und der afrikanischen Ahnen. Die Geisterwelt der Swahili wird nach einer möglichen Einteilung von islamischen, übelwollenden <a href="Dschinn" title="Dschinn">Dschinn</a> (arabisch, <i>majini</i>), Ahnengeistern (Swahili, <i>koma</i>), Naturgeistern (Swahili, <i>mizimu</i>) und wohlwollenden Schutzgeistern (<i>pepo</i>) bevölkert. Fern über allen und nur durch Vermittlung der Ahnengeister ansprechbar thront in der <a href="Afrikanische_Kosmogonie" title="Afrikanische Kosmogonie">Kosmogonie</a> der Swahili Gott (<i>Mungu</i>), der Schöpfer (<i>Muumba</i>). Unter dem alles beherrschenden Gott leben die Menschen und die unzähligen Geister. Die Ahnengeister (<i>koma</i>) überbringen zu manchen Zeiten Botschaften von den Ahnen an ihre lebenden Nachkommen, wenn sie Geschenke (<i>sadaka,</i> Ritual zur Erhaltung der Harmonie) und Opfergaben (<i>kafara,</i> Ritual als reinigendes Sühneopfer)<sup id="cite_ref-9" class="reference"><a href="#cite_note-9"><span class="cite-bracket">[</span>9<span class="cite-bracket">]</span></a></sup> erhalten.<sup id="cite_ref-10" class="reference"><a href="#cite_note-10"><span class="cite-bracket">[</span>10<span class="cite-bracket">]</span></a></sup>
</p>
<div class="mw-heading mw-heading3"><h3 id="Besessenheit_bei_Frauen_und_Männern"><span id="Besessenheit_bei_Frauen_und_M.C3.A4nnern"></span>Besessenheit bei Frauen und Männern</h3></div>
<p>Der <i>pepo-</i>Kult der Swahili steht mit anderen afrikanischen Besessenheitskulten in Beziehung. Wie bei diesen werden überwiegend Frauen von einem Geist besessen.<sup id="cite_ref-11" class="reference"><a href="#cite_note-11"><span class="cite-bracket">[</span>11<span class="cite-bracket">]</span></a></sup> Ein typischer, mehrheitlich von Frauen praktizierter Besessenheitskult innerhalb des Islam ist der <a href="Islam_in_Afrika#Sudan_II_–_Zar-Kult_und_die_Rolle_der_Frauen" title="Islam in Afrika"><i>zar-</i>Kult</a> in Ägypten und im Sudan. Die <i>zar-</i>Geister werden wie die <i>pepo</i> als unsichtbare Wind-Geister aufgefasst. Andere islamische Besessenheitskulte sind <i><a href="Bori_(Hausa)" title="Bori (Hausa)">Bori</a></i> und <i><a href="Dodo_(Kult)" title="Dodo (Kult)">Dodo</a></i> bei den <a href="Hausa_(Volk)" title="Hausa (Volk)">Hausa</a> in Nordnigeria, <i>Holey</i> bei den <a href="Songhai" title="Songhai">Songhai</a> in Mali, <i><a href="Stambali" title="Stambali">Stambali</a></i> in Tunesien und <i><a href="Derdeba" title="Derdeba">Derdeba</a></i> in Marokko. Eine Besonderheit sind der Kult um die Gottheit <i><a href="Nya_(Kult)" title="Nya (Kult)">Nya</a></i> im Süden Malis und der Kult der Hamadschas um den weiblichen Geist <i><a href="Aisha_Qandisha" title="Aisha Qandisha">Aisha Qandisha</a></i>, die praktisch nur Männer besessen machen. Zu den zahlreichen Besessenheitskulten innerhalb des Christentums im südlichen Afrika, die mehrheitlich Frauen veranstalten, gehören <i><a href="Mashawe" title="Mashawe">Mashawe</a></i> in Sambia und <i><a href="Vimbuza" title="Vimbuza">Vimbuza</a></i> in Malawi. Unterschieden wird nach dem britischen Anthropologen Ioan M. Lewis (1971)<sup id="cite_ref-12" class="reference"><a href="#cite_note-12"><span class="cite-bracket">[</span>12<span class="cite-bracket">]</span></a></sup> die „periphere“, also subkulturelle Besessenheit als Krankheit (typischerweise Kulte von Frauen der Unterschicht in männerdominierten Gesellschaften, etwa <i>zar</i>, in <a href="Somalia" title="Somalia">Somalia</a> <i>saar</i>)<sup id="cite_ref-13" class="reference"><a href="#cite_note-13"><span class="cite-bracket">[</span>13<span class="cite-bracket">]</span></a></sup> von einer „zentralen Besessenheitsreligion“, die sozial hochstehenden Männern zur Erhaltung ihrer Machtposition dient (<i>Nya</i> in Mali). Besessenheitskulte lassen sich zwischen diesen beiden gesellschaftlichen Positionen einordnen, wobei die Einordnung durch die unterschiedliche Perspektive der gesellschaftlichen Gruppen geprägt wird.<sup id="cite_ref-14" class="reference"><a href="#cite_note-14"><span class="cite-bracket">[</span>14<span class="cite-bracket">]</span></a></sup>
</p><p>Hans Koritschoner (1936) fand in mehreren Jahren, in denen er <i>pepo</i>-Kulte beobachtete, bis auf eine Ausnahme nur Frauen, die bei der Tanzzeremonie (<i>ngoma</i>) besessen wurden. Die Betroffenen gaben hierfür keine Begründung an. Er vermutet für die hohe weibliche Besessenheitsquote als zwei mögliche Ursachen eine suggestive Kraft der Tradition und eine stärkere Neigung zu <a href="Hysterie" title="Hysterie">hysterischen</a> Reaktionen bei Frauen. Beginnende psychische Abweichungen werden grundsätzlich als <i>ugonjwa ya sheitani</i> („Krankheit durch einen Geist“) aufgefasst. Psychische Erkrankungen werden wie körperliche behandelt, das bedeutet, der Erkrankten wird weder eine Schuld gegeben noch fürchtet man sich vor ihr.<sup id="cite_ref-15" class="reference"><a href="#cite_note-15"><span class="cite-bracket">[</span>15<span class="cite-bracket">]</span></a></sup> In <a href="Luanda" title="Luanda">Luanda</a> (Angola) wird nach einem Bericht von 1958 (den Begriff „Hysterie“, von altgriechisch „Gebärmutter“) ergänzend auf die belastende Rolle der Mutterschaft hingewiesen, die eine mythisch unsichere Phase darstellt. Dieses Erklärungsmuster wird durch die Feststellung relativiert, dass viele von Frauen gepflegte Besessenheitskulte in Afrika erst im 19. und 20. Jahrhundert in Städten und/oder in Gebieten mit einem starken Zustrom fremder Gruppen entstanden, was auf einen Zusammenhang mit den sozialen Veränderungen während der Kolonialzeit hinweist.<sup id="cite_ref-16" class="reference"><a href="#cite_note-16"><span class="cite-bracket">[</span>16<span class="cite-bracket">]</span></a></sup>
</p><p>Hierzu erwähnt Ioan M. Lewis (1966) eine Studie über den Unterschied zwischen den Valley-<a href="Tonga_(Ethnien)" title="Tonga (Ethnien)">Tonga</a> und den Plateau-Tonga im südlichen Afrika. Bei den Plateau-Tonga waren Frauen und Männer seit den 1930er Jahren in die moderne Marktwirtschaft integriert, sie hatten während der Kolonialzeit gleichermaßen Arbeitsmöglichkeiten vor Ort, Geisterbesessenheit (<i>masabe</i>) war selten und wenn sie auftrat, dann bei beiden Geschlechtern ungefähr gleich stark. Anders bei den Valley-Tonga, bei denen die Männer zur Arbeitsmigration gezwungen und die zurückgebliebenen Frauen vom modernen kulturellen Leben in den Städten ausgeschlossen waren. Durch Flucht in die stark verbreitete Besessenheit verschafften sich die marginalisierten Frauen ein Druckmittel, um von den Männern ebenfalls einen materiellen Anteil an der modernen Welt in Form von Kleidern und luxuriösen Nahrungsmitteln verlangen zu können.<sup id="cite_ref-17" class="reference"><a href="#cite_note-17"><span class="cite-bracket">[</span>17<span class="cite-bracket">]</span></a></sup> Dieser Interpretation einer aus einem sozialen Konflikt zwischen Männern und Frauen („Geschlechterkrieg“) hervorgehenden weiblichen Besessenheit, die häufig für den <i>zar</i>-Kult angeführt wird, stellt Peter J. Wilson (1967) eine These entgegen, wonach Besessenheit eher eine Folge von Konflikten, Wettbewerb und Eifersucht innerhalb von Mitgliedern desselben Geschlechts sei.<sup id="cite_ref-18" class="reference"><a href="#cite_note-18"><span class="cite-bracket">[</span>18<span class="cite-bracket">]</span></a></sup> Keine der vorgeschlagenen Gründe sind vom Blickwinkel des europäischen Betrachters frei. Die letztlich noch offene Klärung der Ursachen für die überwiegend bei Frauen auftretende Besessenheit durch <i>pepo</i>-Geister wirkt sich auf die Frage nach der möglichen Ausbreitung der Besessenheit durch Fremdgeister aus. <a href="Beatrix_Heintze" title="Beatrix Heintze">Beatrix Heintze</a> (1970) bemerkt eine Beziehung zwischen <i>zar</i> am <a href="Horn_von_Afrika" title="Horn von Afrika">Horn von Afrika</a>, <i>pepo</i> und Geisterkulten von Ronga-Sprechern in <a href="Mosambik" title="Mosambik">Mosambik</a> und hält eine Ausbreitung der Frauen-Besessenheit durch Fremdgeister entlang der ostafrikanischen Küste nach Süden für wahrscheinlich.<sup id="cite_ref-19" class="reference"><a href="#cite_note-19"><span class="cite-bracket">[</span>19<span class="cite-bracket">]</span></a></sup> Als ein Beleg führt Heintze eine von Frauen bei Trancetänzen in manchen Regionen im südlichen Afrika geschlagene <a href="Rahmentrommel" title="Rahmentrommel">Rahmentrommel</a> mit Schnurverspannung an, die arabischen Ursprungs sein dürfte. Arabische Frauen begleiten ihre Gesänge typischerweise mit Rahmentrommeln (vgl. <i><a href="Daira_(Trommel)" title="Daira (Trommel)">daira</a></i>), die auch im <i>zar</i>-Kult und im <i>pepo</i>-Kult für die Gruppe der <i>kiarabu</i>-Geister verwendet werden.<sup id="cite_ref-20" class="reference"><a href="#cite_note-20"><span class="cite-bracket">[</span>20<span class="cite-bracket">]</span></a></sup> Ralph Skene (1917) benennt die Rahmentrommel der Swahili mit dem arabischen Namen <i>tari</i> (von <i><a href="Tar_(Trommel)" title="Tar (Trommel)">tār</a></i>).<sup id="cite_ref-21" class="reference"><a href="#cite_note-21"><span class="cite-bracket">[</span>21<span class="cite-bracket">]</span></a></sup>
</p>
<div class="mw-heading mw-heading3"><h3 id="Fremdgeister">Fremdgeister</h3></div>
<p><i>Pepo</i>-Geister gehören großteils zu den Fremdgeistern. Neben verehrten Stammesgeistern, Tätigkeitsgeistern (die bestimmte Berufsgruppen besessen machen), indifferenten oder böswilligen, gewöhnlichen Totengeistern, Familien- und Distriktsgeistern bilden Fremdgeister eine gesonderte Gruppe von Geistern, die nicht der eigenen Tradition entspringen, sondern von anderen Ethnien übernommen wurden. Außer dem Swahili-Gebiet kommen Fremdgeister besonders am Horn von Afrika (<i>zar, saar</i>) in <a href="Simbabwe" title="Simbabwe">Simbabwe</a> und in <a href="Angola" title="Angola">Angola</a> vor. Im westafrikanischen <a href="Togo" title="Togo">Togo</a> werden im Speziellen <i><a href="Tchamba_(Kult)" title="Tchamba (Kult)">Tchamba</a>-</i>Kult im Süden des Landes Geister von Sklaven verehrt, die aus dem fremden islamischen Norden stammen.
</p><p>Die fremden Geister werden bei den Swahili und anderswo üblicherweise durch eine bestimmte, ihnen entsprechende Nahrung charakterisiert, die sie als Opfergabe erhalten, und durch passende Kleidung und Attribute, die der Besessene beim Tanzritual trägt. In seltenen Fällen erhalten die Geister Nahrungsgaben, die mit ihrer Ethnie nichts zu tun haben. So erhielten im Gebiet der Mwila in der südwestangolanischen Provinz <a href="Provinz_Hu%C3%ADla" title="Provinz Huíla">Huíla</a> die Geister der Kohlenverkäufer, die zur Kolonialzeit mit den Europäern Handel trieben, „Eichhörnchen und Hund“ als Nahrung, das heißt, die von diesen Geistern Besessenen tranken während des Rituals Blut dieser Tiere. Eigene Geister der <a href="Nhaneca-Humbe" title="Nhaneca-Humbe">Nhaneca-Humbe</a> in Angola erhielten Eier und Zucker, obwohl beides bei diesen Ethnien nicht verzehrt wird. Neben mehreren Ethnien im Südwesten Angolas betreiben die <a href="Chokwe" title="Chokwe">Chokwe</a> und ihre Nachbarn im Nordosten Angolas, in angrenzenden Gebieten des <a href="Demokratische_Republik_Kongo" title="Demokratische Republik Kongo">Kongo</a> und in <a href="Sambia" title="Sambia">Sambia</a> intensive Besessenheitskulte mit Fremdgeistern. Die neuen <i>mahamba</i> der <a href="Luvale" title="Luvale">Luvale</a> machen seit den 1920er Jahren vor allem Frauen in einem auf <a href="Matrilinearit%C3%A4t" title="Matrilinearität">Matrilinearität</a> basierenden Verwandtschaftssystem besessen. Die <a href="Baluba" title="Baluba">Baluba</a> im Kongo kennen seit dem 20. Jahrhundert einen Europäergeist. In Simbabwe ist der <i>shave</i>-Kult verbreitet. Zu den Fremdgeistern unter den <i>shave</i> gehören Europäer (<i>varungu</i>) und Mosambikaner (<i>mazungu</i>).<sup id="cite_ref-22" class="reference"><a href="#cite_note-22"><span class="cite-bracket">[</span>22<span class="cite-bracket">]</span></a></sup>
</p><p>Die Besessenheitskulte am <a href="Rovuma" title="Rovuma">Rovuma</a>, der die Grenze zwischen Mosambik und Tansania bildet, stehen mit den <i>pepo</i>-Kulten in Beziehung. Die Methoden der Heilerin (<i>fundi</i>) mit Weihrauch (<i>ovumba</i>) und dem Trancetanz des Patienten sind ähnlich. Die Besessenheitsgeister, unter anderem der dort lebenden <a href="Makonde" title="Makonde">Makonde</a>, gelten als böswillig und werden von den guten Ahnengeistern unterschieden. Der anspruchsvollste böswillige Geist heißt <i>msungo</i>, trägt eine Militäruniform und ein Gewehr und braucht besonders aufwendige Rituale.<sup id="cite_ref-23" class="reference"><a href="#cite_note-23"><span class="cite-bracket">[</span>23<span class="cite-bracket">]</span></a></sup>
</p><p>Bei den <a href="Taita_(Ethnie)" title="Taita (Ethnie)">Taita</a> im gleichnamigen County im Südosten Kenias ist der <i>pepo</i>-Kult häufiger als <i>saka</i> bekannt. Grace Harris (1957) fand bis zur Hälfte der verheirateten Frauen bei den Taita zumindest gelegentlich von einem <i>saka</i>-Geist besessen. Die Therapie folgt dem Muster der <i>pepo</i>-Zeremonie. Die Patientin wird mit Räucherwerk behandelt und nimmt in regelmäßigen Abständen an Trommeltänzen teil, da der Geist nicht endgültig ausgetrieben werden kann. Wie anderswo fordern die Frauen mit ihrer Besessenheit von den Männern Konsumgüter, die sie ansonsten nicht erhalten (besondere Kleider, Zigaretten, Dinge europäischer Herkunft).<sup id="cite_ref-24" class="reference"><a href="#cite_note-24"><span class="cite-bracket">[</span>24<span class="cite-bracket">]</span></a></sup> Bei den <a href="Massai" title="Massai">Massai</a> werden seit längerem vorhandene Krankheitssymptome und bestimmte Behandlungsmethoden der von der Küste eingeführten, zuvor unbekannten Vorstellung von Besessenheit zugeordnet. Das allgemeine Swahili-Wort für Geist, <i>pepo</i>, wurde in ihrer Sprache <a href="Maa" title="Maa">Maa</a> zu <i>embepo</i> (fem.) und <i>olpepo</i> (mask.). Geistbesessenheit trat bei den Massai erstmals Anfang der 1890er Jahre auf, als bei der verheerenden <a href="Rinderpest" title="Rinderpest">Rinderpest</a> der Großteil aller Rinder zugrunde ging und rund zwei Drittel der Bevölkerung starb. Die überlebenden Massai kamen gezwungenermaßen mit sesshaften Bantu-Ackerbauern außerhalb ihres Siedlungsgebiets in Kontakt, von denen sie kulturell beeinflusst wurden.<sup id="cite_ref-25" class="reference"><a href="#cite_note-25"><span class="cite-bracket">[</span>25<span class="cite-bracket">]</span></a></sup>
</p>
<div class="mw-heading mw-heading2"><h2 id="Besessenheitsgeister_der_Swahili">Besessenheitsgeister der Swahili</h2></div>
<p><a href="Johann_Ludwig_Krapf" title="Johann Ludwig Krapf">Johann Ludwig Krapf</a> (1810–1881) beschrieb in <i>Reisen in Ost-Afrika ausgeführt in den Jahren 1837 – 1855</i> (veröffentlicht 1858) als einer der ersten Europäer ein <i>pepo</i>-Tanzritual,<sup id="cite_ref-26" class="reference"><a href="#cite_note-26"><span class="cite-bracket">[</span>26<span class="cite-bracket">]</span></a></sup> bei dem er den bösen Geist <i>pepo</i> sogleich als Teufel ausmachte, gegen den er, der Missionar, eine Standfestigkeit braucht, die ihm nur „eine besondere Macht von Oben“ bietet. Ohne seinen Gott gelänge es ihm nicht, in dieser „höllischen Atmosphäre fest zu bleiben gegen die finsteren Kräfte“. Offenbar übte das fremde Ritual einen so starken Eindruck auf ihn aus, dass er die Gefahr verspürte, vom Geschehen überwältigt zu werden, anstatt sich mit seiner missionarischen Rede dagegen zu stellen.<sup id="cite_ref-27" class="reference"><a href="#cite_note-27"><span class="cite-bracket">[</span>27<span class="cite-bracket">]</span></a></sup>
</p><p>Kolonialzeitliche Berichte über <i>pepo</i> in <a href="Deutsch-Ostafrika" title="Deutsch-Ostafrika">Deutsch-Ostafrika</a> liegen seit Ende des 19. Jahrhunderts vor (besonders <a href="Carl_Velten" title="Carl Velten">Carl Velten</a>, 1903; Raph Skene, 1917). Die genaueren ethnographischen Beschreibungen seit den 1970er Jahren waren anfangs überwiegend Fallstudien, die sich auf einzelne Städte und Dörfer an der nordtansanischen und südkenianischen Küste bezogen, das Thema Besessenheit nur am Rand behandelten und nicht immer allgemein übertragbare Ergebnisse brachten. Ann Caplan (1975)<sup id="cite_ref-28" class="reference"><a href="#cite_note-28"><span class="cite-bracket">[</span>28<span class="cite-bracket">]</span></a></sup> unterschied auf der Insel <a href="Mafia_(Insel)" title="Mafia (Insel)">Mafia</a> zwei Besessenheitskulte, einen <i>sheitani</i>-Kult der Unterschicht, der als „afrikanisch“ und aus dem Landesinnern stammend von orthodoxen Muslimen strikt abgelehnt wurde, und einen der Küstenregion zugeordneten <i>jini</i>-Kult von Frauen unterschiedlicher sozialer Schichten, der von muslimischer Seite eher tolerabel erschien.<sup id="cite_ref-29" class="reference"><a href="#cite_note-29"><span class="cite-bracket">[</span>29<span class="cite-bracket">]</span></a></sup> Linda L. Giles unternahm von 1982 bis 1984 Feldforschungen. Zu ihren Untersuchungsschwerpunkten gehören <a href="Mombasa" title="Mombasa">Mombasa</a> sowie die Inseln <a href="Pemba" title="Pemba">Pemba</a> und <a href="Sansibar" title="Sansibar">Sansibar</a>.
</p><p>Gemäß der eigenen Identitätsbestimmung teilen die Swahili ihre Geisterwelt zunächst nach religiösem Maßstab in islamische Geister (<i>kiislamu</i>) und unislamische Geister (<i>kafiri,</i> von arabisch <i><a href="K%C4%81fir" title="Kāfir">kāfir</a></i>, „Ungläubige“) ein. Bei Betrachtung auf gesellschaftlicher Ebene werden letztere zu <i>kishenzi</i> (Swahili „unzivilisiert“, „wild“) degradiert. Geographisch stehen sich die Geister an der Küste (<i>pwani</i>) und die Geister des Landesinnern (<i>bara</i>) gegenüber. Die weitere Unterteilung der Geister reflektiert aus dem Blickwinkel der Swahili bestimmte Ethnien und Bevölkerungsgruppen in der Welt der Menschen. Wie die menschliche Gemeinschaft in Ethnien (Swahili <i>kabila</i>, Plural <i>makabila</i>, von arabisch <i>qabīla,</i> „<a href="Volksstamm" class="mw-redirect" title="Volksstamm">Stamm</a>“) eingeteilt ist, besteht die Geisterwelt aus vergleichbaren <i>makabila</i>.<sup id="cite_ref-30" class="reference"><a href="#cite_note-30"><span class="cite-bracket">[</span>30<span class="cite-bracket">]</span></a></sup> Nicht zu den Swahili gehörende ostafrikanische Ethnien teilen ihre Geisterwelt anders ein. Gemäß der quantitativen Datensammlung von Linda L. Giles (1999), die besessene Medien nach „ihren Geistern“ befragte, unterscheiden die Swahili innerhalb der zur Küste gehörenden Geisterwelt die Gruppe von mindestens 42 arabischen Geistern (<i>kiarabu</i>) von mindestens 46 Geistern der Insel Pemba (<i>kipemba</i>). Die <i>kiarabu</i>-Gruppe beinhaltet auch die <a href="Somali_(Ethnie)" title="Somali (Ethnie)">Somali</a>-Geister (<i>kisomali</i>). Die meisten Medien gaben an, von beiden Geistergruppen besessen zu sein, bei Besessenheit nur einer Gruppe waren es überwiegend <i>kiarabu</i>-Geister.
</p><p>Neben diesen beiden Hauptgruppen kennen unter anderem die <a href="Mijikenda" title="Mijikenda">Mijikenda</a> von Mombasa die <i>kinyika</i> und die Massai die <i>kimasai</i> als kleinere Geistergruppen. In <a href="Sansibar_(Stadt)" title="Sansibar (Stadt)">Sansibar</a> werden <a href="Madagaskar" title="Madagaskar">madagassisch</a>-<a href="Komoren" title="Komoren">komorische</a> (<i>kibuki</i>) und <a href="%C3%84thiopien" title="Äthiopien">äthiopische</a> Geister (<i>habeshia</i>) erwähnt. Auf den lebendigen <i>kibuki</i>-Kult von Sansibar konzentriert sich Kjersti Larsen in ihrer Studie von 2008. Auf Pemba bilden die Geister der Shambaa (<i>kishambaa</i>), einer in den <a href="Usambara-Berge" title="Usambara-Berge">Usambara-Bergen</a> lebenden Ethnie, und der <a href="Nyamwezi" title="Nyamwezi">Nyamwezi</a> (<i>kinyamwezi</i>) weitere Gruppen.<sup id="cite_ref-31" class="reference"><a href="#cite_note-31"><span class="cite-bracket">[</span>31<span class="cite-bracket">]</span></a></sup>
</p><p>Helene Basu (2005) fasst für die Insel Sansibar die Geister nach sozialer und geographischer Herkunft in vier Klassen zusammen: Die <i>masheitani ya ruhani</i> (Plural) sind arabische Geister (entsprechend der Gruppe <i>kiarabu</i>), die für Islam und Zivilisiertheit stehen. Den Gegenpol bilden die <i>masheitani ya rubamba</i>. Dies sind afrikanische Geister vom ostafrikanischen Festland und von der Insel Pemba, die mit Unglauben, Unzivilisiertheit und Hexerei assoziiert werden. <i>Masheitani ya habisha</i> (auch <i>habeshia</i>) sind christliche äthiopische Geister, von denen es Könige und Sklaven gibt. Die vierte Gruppe bilden demnach die stets paarweise auftretenden <i>masheitani ya kibuki</i> aus Madagaskar und den Komoren. Obwohl die Geister nach den ethnischen Kategorien eingeteilt sind, die in der Bevölkerung vorherrschen, setzen sich die Anhänger der Kultgemeinschaften nicht einheitlich aus den jeweiligen Ethnien zusammen.<sup id="cite_ref-32" class="reference"><a href="#cite_note-32"><span class="cite-bracket">[</span>32<span class="cite-bracket">]</span></a></sup>
</p>
<div class="mw-heading mw-heading3"><h3 id="Kiarabu-Geister">Kiarabu-Geister</h3></div>
<p>Die zur Küstenregion (<i>pwani</i>) gehörende Gruppe der islamischen <i>kiarabu</i>-Geister gilt dem Selbstverständnis der Swahili nach als besonders mächtig. Für sie werden Zeremonien in arabischer Sprache veranstaltet und die Geister sprechen (durch den Mund des Mediums) Arabisch. Die meisten Swahili haben zwar einige arabische religiöse Texte auswendig gelernt, können sich aber nicht auf Arabisch unterhalten. Linda L. Giles (1999) erwähnt außenstehende Zuhörer (unter ihnen sei ein Sprachwissenschaftler gewesen), die bemerkten, dass die Besessenen sich während der Trance mit einer Sprachkompetenz äußerten, die sie im Alltag nicht besitzen.<sup id="cite_ref-33" class="reference"><a href="#cite_note-33"><span class="cite-bracket">[</span>33<span class="cite-bracket">]</span></a></sup> Ralph Skene stellte bereits 1917 hierzu kritischer fest, die Besessenen sprächen gewöhnliches Swahili, durch ihre Stresssituation jedoch mit einer nervösen, hohen Stimme, die mit unartikulierten Lauten durchsetzt sei. Die Heiler behaupten zur Erklärung, die Besessenen würden eine altertümliche Form der jeweiligen Sprache sprechen, die nur sie verstehen könnten.<sup id="cite_ref-34" class="reference"><a href="#cite_note-34"><span class="cite-bracket">[</span>34<span class="cite-bracket">]</span></a></sup>
</p><p>Der Umgang mit <i>kiarabu</i>-Geistern ist schwierig, da sich ihre Macht als nützlich und ebenso als schädlich auswirken kann. <i>Kiarabu</i>-Geister, die sich auch außerhalb der Besessenheitskulte in Menschen verkörpern können, werden nach islamischem Verständnis den im <a href="Koran" title="Koran">Koran</a> vorkommenden Dschinn (<i>jini,</i> Plural <i>majini</i>) zugeordnet. Nach islamischer Tradition verkörpern die Dschinn, wenn sie bösartig sind, den Widerstand gegen die Herrschaft <a href="Allah" title="Allah">Allahs</a> und gelten dann als <a href="Schaitan" class="mw-redirect" title="Schaitan">Schaitan</a> (<i>scheitani,</i> Plural <i>masheitani,</i> Satan), der <a href="Ibl%C4%ABs" class="mw-redirect" title="Iblīs">Iblīs</a> (dem Teufel) unterstellt ist. Für den Menschen hilfreiche Dschinn unterstehen hingegen dem Propheten <a href="Salomo#Salomo_im_Islam" title="Salomo">Sulaiman</a>, der von Gott die Macht über sie erhielt. Solche dienstbaren Dschinn beseitigen für ihren Herrn alle Schwierigkeiten, wie es in <a href="Sure_34" class="mw-redirect" title="Sure 34">Sure 34</a>:12 heißt. Nicht alle Charakterisierungen der Dschinn in der Tradition der Swahili sind im Koran angelegt. An der ostafrikanischen Küste werden die schädlichen Dschinn nicht Iblis zugeordnet und auf die sprachliche Unterscheidung in schädliche (<i>sheitani</i>) und hilfreiche Geister (<i>jini</i>) wird auf Sansibar häufig verzichtet. So gehören nach dem Verständnis der Kultanhänger <a href="%CA%BFAbd_al-Q%C4%81dir_al-Dsch%C4%ABl%C4%81n%C4%AB" title="ʿAbd al-Qādir al-Dschīlānī">ʿAbd al-Qādir al-Dschīlānī</a>, der Begründer der <a href="Q%C4%81dir%C4%ABya" title="Qādirīya">Qādirīya</a>-Sufibruderschaft, und Mitglieder der Familie des Sultans zu den <i>masheitani ya ruhani</i>. Ritualleiter (Swahili <i>fundi</i>) diskutieren kontrovers Fragen des rechten Glaubens, wozu die Fragen gehören, welche Geister von Allah geschaffen wurden und welchen Einfluss Geister auf das Handeln der Menschen ausüben.<sup id="cite_ref-35" class="reference"><a href="#cite_note-35"><span class="cite-bracket">[</span>35<span class="cite-bracket">]</span></a></sup>
</p><p>Ihrem Wesen entsprechend gehören <i>kiarabu</i>-Geister der städtischen Elite an und werden als gebildet, modern und als gepflegte Erscheinung vorgestellt. Die von ihnen Besessenen tragen während des Rituals weiße Kleidung und einen weißen Turban, Gebetsketten (<a href="Misbaha" title="Misbaha">Misbaha</a>) und <a href="Amulett" title="Amulett">Amulette</a> mit Koransprüchen. Ihr bevorzugter Geruch sind Räucherstäbchen mit Rosenholz (<i>Aniba rosaeodora,</i> Swahili <i>udi</i>), gefolgt von <a href="Rosenwasser" title="Rosenwasser">Rosenwasser</a> (<i>marashi</i>), das auf der Kleidung und im Raum verspritzt wird.<sup id="cite_ref-36" class="reference"><a href="#cite_note-36"><span class="cite-bracket">[</span>36<span class="cite-bracket">]</span></a></sup> <i>Kiarabu</i>-Geister trinken gern <i>kombe,</i> einen magischen Trunk, der aus der Tinte von Abschriften aus dem Koran hergestellt wurde. Kleine Opfergaben möchten sie gepflegt auf einem Silbertablett (<i>upatu</i>) überreicht bekommen, Essen und Getränke (Früchte, Nüsse, <a href="Zuckerhut_(Zucker)" title="Zuckerhut (Zucker)">Zuckerhüte</a>, <a href="Halva" title="Halva">Halva</a>, arabischen Kaffee) am besten auf einem größeren Metalltablett (<i>sinia</i>). Falls Musikinstrumente beim Ritual eingesetzt werden, dann nur eine <a href="Rahmentrommel" title="Rahmentrommel">Rahmentrommel</a> (<i>tari,</i> Name im islamischen Kontext).
</p><p>Im weiteren Sinn bezeichnet <i>kiarabu</i> nicht nur die regionalen Dschinn, sondern alle Geister nordafrikanisch-mittelöstlicher Herkunft, für die islamische Zeremonien (<i><a href="Dhikr" title="Dhikr">dhikri</a></i>) abgehalten werden müssen. Dieses weiter reichende Kriterium schließt Geistervorstellungen ein, die im Verlauf der vergangenen Jahrhunderte mit Händlern und Sklaven in das <a href="Sultanat_Sansibar" title="Sultanat Sansibar">Sultanat Sansibar</a> gelangten. Hierzu gehören islamische ebenso wie christliche Geister der <a href="Nubier" title="Nubier">Nubier</a>, <a href="Somali_(Ethnie)" title="Somali (Ethnie)">Somali</a>, <a href="Oromo_(Ethnie)" title="Oromo (Ethnie)">Oromo</a> und <a href="Habescha" title="Habescha">Habescha</a> vom <a href="Horn_von_Afrika" title="Horn von Afrika">Horn von Afrika</a>, der <a href="B%C5%AB-Sa%CA%BF%C4%ABd-Dynastie" title="Bū-Saʿīd-Dynastie">Bū-Saʿīd-Dynastie</a> in <a href="Oman" title="Oman">Oman</a> und ferner Geister der <a href="Beduinen" title="Beduinen">Beduinen</a> (<i>bedui</i>). Von diesen Geistern spielen praktisch nur die somalischen eine Rolle, vor allem in den Ritualgemeinschaften von Mombasa. Die fremden Geister benötigen besondere Rituale, falls sie als <i>kiarabu</i> und nicht eher als afrikanische Geister aufgefasst werden.<sup id="cite_ref-37" class="reference"><a href="#cite_note-37"><span class="cite-bracket">[</span>37<span class="cite-bracket">]</span></a></sup>
</p>
<div class="mw-heading mw-heading3"><h3 id="Bara-Geister">Bara-Geister</h3></div>
<p>Die afrikanischen Geister aus dem Landesinnern stellen in jeder Hinsicht den Gegensatz zu den <i>kiarabu</i>-Geistern dar. Sie sind unzivilisiert, ungläubig und unrein, was an der schwarzen oder roten Kleidung beim Ritual deutlich wird. Statt einem koranischen Amulett gehören Fliegenwedel (<i>mibwisho</i>) zu ihren Insignien. Musikinstrumente sind Trommeln (große einfellige Standtrommeln), eventuell <a href="Gong" title="Gong">Gongs</a> und <a href="Rassel" title="Rassel">Rasseln</a>.<sup id="cite_ref-38" class="reference"><a href="#cite_note-38"><span class="cite-bracket">[</span>38<span class="cite-bracket">]</span></a></sup> Als Medizin trinken sie kein Rosenwasser, sondern einen Saft aus einheimischen Pflanzen und Wurzeln. Ihnen haftet ein fauliger Geruch an, weshalb als Räucherwerk statt Rosenholz der Rauch von <i>mafusho</i> genügt, einer unterschiedlichen Mischung aus Pflanzen und Kräutern, die ansonsten in der <a href="Naturheilkunde" title="Naturheilkunde">Naturheilkunde</a> verwendet werden. Die Opferspeisen sind alltäglich (Mais, Hirse, Milch), abstoßend und unrein; zum Trinken erhalten <i>bara</i>-Geister <a href="Pombe" title="Pombe">Pombe</a> (Hirsebier). Die weniger machtvollen <i>bara</i>-Geister werden anstelle islamischer <i>dhikri</i>-Zeremonien mit nichtislamischen Tanzzeremonien (<i>ngoma</i>) angerufen.
</p><p>Zu den <i>bara</i> gehören in erster Linie die Massai- und Nyamwezi-Geister, weil diese Völker aktiv am ostafrikanischen Karawanen- und <a href="Ostafrikanischer_Sklavenhandel" title="Ostafrikanischer Sklavenhandel">Sklavenhandel</a> beteiligt waren, Geister von versklavten Völkern aus dem <a href="Kongobecken" title="Kongobecken">Kongobecken</a> und – um die Geringschätzung dieser Gruppe deutlich zu machen – Geister von Wildtieren, Rindern und Eseln. Die Bösartigkeit der <i>bara</i>-Geister drückt sich in den wilden, unkoordinierten Tanzbewegungen bei den Ritualen aus, die auch Elemente afrikanischen <a href="Initiation" title="Initiation">Initiationen</a> enthalten. Die einzelnen Typen äußern sich in der Sprache ihrer Herkunft.<sup id="cite_ref-39" class="reference"><a href="#cite_note-39"><span class="cite-bracket">[</span>39<span class="cite-bracket">]</span></a></sup>
</p>
<div class="mw-heading mw-heading3"><h3 id="Kipemba-Geister">Kipemba-Geister</h3></div>
<p>Die Insel Pemba gilt als die Hochburg der Geister an der ostafrikanischen Küste und die <i>kipemba</i>-Kategorie (<i>masheitani ya rubamba</i>) steht identitätsstiftend im Zentrum der Swahili-Geisterwelt. Auf Pemba gelten sie als die einheimischen Geister, von dort sollen sie sich vor längerer Zeit entlang der Küste verbreitet haben. Die Geister sprechen Swahili im Dialekt der Küste. Ihr Ritual ist nichtislamisch (<i>ngoma</i>). Losgelöst von der dominanten islamischen Kultur der Städte tritt beim Kult der <i>kipemba-</i>Geister das afrikanische Element der Swahili-Gesellschaft in den Vordergrund. Die Dreifarbigkeit der kipemba – schwarz, rot und weiß – symbolisiert die Verbindung aus afrikanischen (schwarz, rot) und islamischen Elementen (weiß). In der Region <a href="Tanga_(Region)" title="Tanga (Region)">Tanga</a> tragen die Besessenen einen dreifarbigen Turban und ebensolche Hemden und Hosen. Außer dem Fliegenwedel der <i>bara</i>-Geister dienen weitere Gegenstände als Insignien, darunter grob bearbeitete Holzstücke und Korallen. Die Geister mögen süße Blumendüfte und zugleich ihrem afrikanischen Temperament entsprechend üble Gerüche, das entspricht einer Kombination aus Rosenholz-Räucherstäbchen und schlecht riechendem Räucherwerk (<i>uvumba</i>). Die Opfergaben bestehen aus Blumen, Früchten (Bananen), Honig, Zuckerrohr, <a href="Betelnusspalme" title="Betelnusspalme">Betelnüssen</a>, rohen Eiern, Blumen und in kleineren Mengen feine Esswaren entsprechend dem Angebot an die <i>kiarabu</i>-Geister, die auf einer Holzschale überreicht werden. Insgesamt enthält der Kult aus den anderen Geisterkategorien bekannte, „zivilisierte“ und „unzivilisierte“ Elemente. Einzigartig ist die Besetzung der Begleitmusik mit der <a href="Doppelrohrblattinstrument" title="Doppelrohrblattinstrument">Kegeloboe</a> <i><a href="Nzumari" title="Nzumari">nzumari</a></i> (sprachverwandt mit <i><a href="Mizmar" title="Mizmar">mizmar</a></i>), der mit einer Palmblattrippe geschlagenen Metallplatte <i>upatu</i> und Trommeln.
</p><p>Die Wohnorte der <i>kipemba</i>-Geister liegen an der Meeresküste meist in Höhlen oder an Bäumen, die als Schreine (<i>panga</i>) zur Kommunikation mit den Geistern fungieren. An den <i>panga</i> werden nicht nur die besessen machenden Geister verehrt, sondern auch Schutzgeister, die in Ritualen von der Dorfgemeinschaft um reiche Ernte oder anderweitige Unterstützung angefragt werden. Im Verständnis der Gläubigen, die auch die Heimstätten der Geister in islamische und unislamische unterscheiden, gelten die <i>panga</i> als rein islamisch.<sup id="cite_ref-40" class="reference"><a href="#cite_note-40"><span class="cite-bracket">[</span>40<span class="cite-bracket">]</span></a></sup> Die Heilwirkung im <i>kipemba</i>-Kult basiert nicht auf der Einnahme koranischer Texte (als Getränk <i>kombe</i>), sondern von Naturheilkräutern, wie sie von nichtislamischen Heilern gegen Hexerei (<i>uchawi</i>) und schwarze Magie (<i>ulowa</i>)<sup id="cite_ref-41" class="reference"><a href="#cite_note-41"><span class="cite-bracket">[</span>41<span class="cite-bracket">]</span></a></sup> angewandt werden.<sup id="cite_ref-42" class="reference"><a href="#cite_note-42"><span class="cite-bracket">[</span>42<span class="cite-bracket">]</span></a></sup>
</p>
<div class="mw-heading mw-heading3"><h3 id="Weitere_Geisterkategorien">Weitere Geisterkategorien</h3></div>
<p><i>Kinyika</i>-Geister gehören zur Swahili-Kultur der Küste, haben aber ihre Wurzeln im afrikanischen Binnenland und besitzen daher <i>bara</i>-Eigenschaften. Sie sind im gesamten Swahili-Gebiet verbreitet, die meisten werden jedoch den <a href="Mijikenda" title="Mijikenda">Mijikenda</a> an der kenianischen Küste zugeordnet, die in engen kulturellen und wirtschaftlichen Beziehungen zu den Swahili stehen. Die Geisterwelt der Mijikenda besteht aus Ahnengeistern (<i>makoma</i>) und böswilligen Geistern (<i>mapepo</i>). Erstere sind prinzipiell gut, solange die richtigen Rituale für sie durchgeführt werden, letztere bringen psychische und physische Krankheiten und müssen vertrieben werden.<sup id="cite_ref-43" class="reference"><a href="#cite_note-43"><span class="cite-bracket">[</span>43<span class="cite-bracket">]</span></a></sup> Für die Swahili gelten die Geister der Mijikenda als unislamisch und unzivilisiert. Unabhängig davon, dass die <a href="Digo" title="Digo">Digo</a><sup id="cite_ref-44" class="reference"><a href="#cite_note-44"><span class="cite-bracket">[</span>44<span class="cite-bracket">]</span></a></sup> und andere Untergruppen der Mijikenda zum Islam konvertiert sind, bezeichnen Swahili sie abwertend als „Nyika“, was „Buschland“ bedeutet. Die Geister mögen Räucherstäbchen (<i>ubani</i>) aus <a href="Gummi_arabicum" title="Gummi arabicum">Gummi arabicum</a>, anderes Räucherwerk und Pflanzenmedizin. Weil unislamisch erhalten sie als Speiseopfer <a href="Palmwein" title="Palmwein">Palmwein</a>. Ihre Unreinheit tritt deutlich zutage, wenn sie nach Ratten als Nahrung verlangen. Die Macht der <i>kinyika</i>-Geister ist gering, dennoch fühlen sich viele Kultanhänger von ihnen besessen. Als ein Zeichen für die enge Beziehung von Swahili und Mijikenda tanzen in den <i>ngoma</i>-Zeremonien von <i>kinyika-</i> und von <i>kipemba-</i>Geistern Besessene häufig im Stil der jeweils anderen Gruppe.<sup id="cite_ref-45" class="reference"><a href="#cite_note-45"><span class="cite-bracket">[</span>45<span class="cite-bracket">]</span></a></sup>
</p><p>Die bisher erwähnten Geistertypen sind den Gegenpolen islamisch (<i>kiislami</i>), Küste (<i>pwani</i>) – unislamisch (<i>kafiri</i>), Inland (<i>bara</i>) zuzuordnen. Daneben gibt es Geister, auf welche diese Kategorien nicht anwendbar sind. Die äthiopischen Geister (<i>habeshia</i>) gehören zum <i>zar</i>-Kult, den <a href="Konkubinat#Konkubinat_im_Islam" title="Konkubinat">Konkubinen</a> adliger äthiopischer Herkunft in die Paläste der Omani-Herrscher und einfache äthiopische Sklavinnen in die abhängige Unterschicht von Sansibar mitbrachten. Auf den beiden sehr unterschiedlichen gesellschaftlichen Ebenen bewegen sich die <i>habeshia</i>-Geister. An erster Stelle im Ritual stehen die gepflegten, vornehmen Geister der Adligen, die von den Sklavengeistern abgegrenzt werden. Mit den ersten Mehrparteienwahlen 1995 auf Sansibar und dem Machtverlust der Omani-Oberschicht, ging der Kult der <i>habeshia</i>-Geister zurück.
</p><p>Der von Madagaskar und den Komoren eingeführte Kult der <i>kibuki</i>-Geister beinhaltet eine ungefähre Erinnerung an die Geisterwelt der madegassischen <a href="Sakalava" title="Sakalava">Sakalava</a>-Königreiche. Die <i>kibuki</i>-Geister gelten weder als islamisch noch als afrikanisch. Sie sind europäische Typen mit einer Vorliebe für importierten Alkohol und andere europäische Konsumgüter sowie für eine Tanzmusik mit dem in Madagaskar beliebten <a href="Akkordeon" title="Akkordeon">Akkordeon</a> (<i>gorodo</i>). Mit diesen Eigenschaften entsprechen sie den im christlichen Umfeld in madagassischen Besessenheitszeremonien vorkommenden Geistern (<i>tromba</i>). Das Wort <i>tromba</i> bezeichnet in ganz Madagaskar summarisch Besessenheitsgeister, die in europäischen und arabischen Reiseberichten seit dem 16. Jahrhundert erwähnt werden.<sup id="cite_ref-46" class="reference"><a href="#cite_note-46"><span class="cite-bracket">[</span>46<span class="cite-bracket">]</span></a></sup> Da römisch-katholische Missionare als erste und am erfolgreichsten ihre Religion auf Madagaskar verbreiteten, gelten die <i>kibuki</i>-Geister mehrheitlich als französische katholische Priester. Sie sind im Vergleich zu den gepflegten <i>kiarabu-</i> und <i>habeshia-</i>Geistern rüpelhaft, laut und selbstherrlich. Historisch steht der <i>kibuki-</i>Kult nicht mit den Omani-Herrschern in Verbindung, zu denen er einen sozialen Gegensatz ausdrückt.
</p><p>Eine Randerscheinung der europäischen Kolonialherrschaft sind die <i>kizungu-</i>Geister. <i>Mzungu</i> (Plural <i>wazungu</i>) ist ein „weißer Europäer“, <i>kizungu</i> bedeutet „einem (reichen) weißen Menschen zugeordnet“. Dieser Geistertyp ist heute selten, auf dem Gebiet der ehemaligen Kolonie <a href="Deutsch-Ostafrika" title="Deutsch-Ostafrika">Deutsch-Ostafrika</a> (tansanisches Festland) stellte man sich deutsche Geister vor, im gesamten Ostafrika britische Geister. Zum <i>kizungi</i>-Geisterkult gehören europäische Nahrungsmittel (Kekse, Kuchen, Toast, Weißbrot, Alkohol, Soft Drinks, Zigarren und Zigaretten), für die Kolonialzeit typische Kleidung inklusive <a href="Tropenhelm" title="Tropenhelm">Tropenhelme</a> und Militärartikel wie Spielzeuggewehre aus Holz sowie Modelle von Flugzeugen und Schiffen. Dem damaligen Auftreten der Europäer entsprechend erscheinen die Geister mächtig, autoritär und grob, besonders die deutschen.<sup id="cite_ref-47" class="reference"><a href="#cite_note-47"><span class="cite-bracket">[</span>47<span class="cite-bracket">]</span></a></sup>
</p>
<div class="mw-heading mw-heading2"><h2 id="Heilungszeremonie">Heilungszeremonie</h2></div>
<p>Ist als Ursache einer Erkrankung ein Geist diagnostiziert, erfolgt die Behandlung in zwei Abschnitten. Zunächst muss der Typ und der Name des Geistes herausgefunden werden, damit dieser in einer nachfolgenden Tanzzeremonie geehrt werden kann. Der britische Verwaltungsbeamte des nordkenianischen Distrikts Lamu, Ralph Skene, beschrieb 1917 die Geister <i>pepo</i> oder <i>jin</i> der Swahilis und Araber an der Küste als teilweise harmlos und teilweise böswillig und besessen machend, was nach seiner Ansicht überwiegend bei Frauen eine Störung des Nervensystems hervorruft. Skene beobachtete Besessenheitskulte mit Tanzfesten (<i>ngoma</i>) bei denen unterschiedliche Trommelrhythmen Ekstase oder Ruhigstellung des Patienten bewirken konnten. <i>Ngoma</i> bezeichnet allgemein Gruppentänze mit Musik und Tanzwettbewerbe.<sup id="cite_ref-48" class="reference"><a href="#cite_note-48"><span class="cite-bracket">[</span>48<span class="cite-bracket">]</span></a></sup> Die „ethnische Zugehörigkeit“ des Geistes findet der Wahrsager/Heiler über die Sprache heraus, mit der er sich durch den Mund des Besessenen äußert. Jeder <i>pepo</i> innerhalb einer Geistergruppe hat einen Eigennamen, der einem gängigen Eigennamen in der jeweiligen menschlichen Ethnie entspricht. Die professionellen Heiler sind abgesehen von regionalen Schwankungen ungefähr zur Hälfte männlich und weiblich.<sup id="cite_ref-49" class="reference"><a href="#cite_note-49"><span class="cite-bracket">[</span>49<span class="cite-bracket">]</span></a></sup> Der Heiler erkennt die Sprache und versteht als einziger die altertümliche Ausdrucksweise. Sollte sich der <i>pepo</i> nicht über die Patientin (mehrheitlich Frauen) dem Heiler gegenüber offenbaren, so muss ein anderer Heiler gefunden werden, zu dessen Erfahrungshorizont dieser <i>pepo</i> gehört.
</p><p>Am Beginn der nachfolgenden Behandlung versucht der Heiler dem Geist die Aussage (durch den Mund der Patientin) zu entlocken, welche Art Opfer er sich wünscht, damit er bereit ist, deren Körper zu verlassen. Um diese Aussage (aus dem Mund der Patientin) zu erhalten, wendet jeder Heiler in einer Tanzzeremonie seine eigene Rezeptur von Pflanzenwirkstoffen an, die in einem Wassertopf aufgekocht werden. Die Patientin atmet mit ihrem Kopf über dem kochenden Gefäß hängend und vollständig in ein Tuch gehüllt den Medizindampf ein. Die Prozedur, bei welcher der Geist in den Kopf der Patientin steigen soll, wird mehrere Tage lang jeweils zwei Mal täglich für ein bis eineinhalb Stunden durchgeführt. Diese Art Medizin ist in der Swahili-Kultur weit verbreitet und nicht auf Besessenheitskulte beschränkt. Swahili <i>dawa</i> (Plural <i>madawa</i>, „Medizin“) ist von Arabisch <i>dawāʾ</i> (Plural <i>adwiya</i>, „Heilmittel“, „Droge“, jede auf den Körper einwirkende Substanz) abgeleitet. <i>Dawa</i> gehört auch zu den Methoden (<i>uganga</i>, „magisches Heilen“ im produktiven Sinn) der sonstigen magischen Heiler (allgemein <i>mganga,</i> Plural <i>waganga</i>, in anderen Bantusprachen <i>nganga</i>). Die gegenteilig wirkenden, destruktiven Magier <i>wachawi</i>, die <i>uchawi</i> (schädliche „Hexerei“) betreiben, sollen zwar existieren, sie geben sich aber nicht zu erkennen.<sup id="cite_ref-50" class="reference"><a href="#cite_note-50"><span class="cite-bracket">[</span>50<span class="cite-bracket">]</span></a></sup> Swahili <i>mganga</i> geht auf das arabische Wort <i>al-maqanqa</i> zurück, mit dem <a href="Al-Idrisi" title="Al-Idrisi">al-Idrisi</a> im 12. Jahrhundert die Geistheiler von <a href="Malindi" title="Malindi">Malindi</a> bezeichnete, die mit ihren magischen Kräften Giftschlangen hätten harmlos machen können.<sup id="cite_ref-51" class="reference"><a href="#cite_note-51"><span class="cite-bracket">[</span>51<span class="cite-bracket">]</span></a></sup>
</p><p>Das den Kopf oder den gesamten Körper der Patientin umhüllende Tuch ist ein Merkmal von weiblichen Initiationsriten bei den Bantu. Bei der Hochzeit wird manchmal die Braut unter einem Tuch verborgen, manchmal werden Schwiegersohn und Schwiegermutter mit einem Tuch verhüllt. Weil das Tuch in Gestalt einer Rinderhaut auch bei der Initiation eines Mediums (etwa der Weihe zum Regenpriester bei den Karanga, einer <a href="Shona_(Volk)" title="Shona (Volk)">Shona</a>-Sprachgruppe) verwendet wird, kann es wie die Aktion selbst als Symbol für Tod und Wiedergeburt aufgefasst werden. Dampfbäder kommen besonders im <i>pepo</i>-Kult vor, sie sind darüber hinaus bei den südlichen Bantu weit verbreitet und werden von Heilern besonders bei Fieber, Erkältungen und sonstigen Beschwerden angewandt. Auch Heiler der <a href="Yao_(Sprache)" title="Yao (Sprache)">Yao</a>-Sprecher in Malawi behandeln die von einem <i>masoka</i>-Geist Besessenen mit Dampfbädern.<sup id="cite_ref-52" class="reference"><a href="#cite_note-52"><span class="cite-bracket">[</span>52<span class="cite-bracket">]</span></a></sup>
</p><p>Falls der Heiler einen islamischen Geist vermutet, lässt er den Topf weg und schreibt stattdessen mit einer wässrigen Lösung von <a href="Campher" title="Campher">Campher</a>, <a href="Moschus" title="Moschus">Moschus</a> und <a href="Safran" title="Safran">Safran</a> einige der <a href="Gottes_sch%C3%B6ne_Namen" title="Gottes schöne Namen">Beinamen Allahs</a> auf eine Holzplatte. Mit einer geringen Menge derselben Flüssigkeit wird die Schrift anschließend in eine Tasse gespült, welche die Patientin austrinkt. Nun beginnt die Preisverhandlung zwischen Heiler, Patientin und deren Angehörigen über die Kosten der eventuell benötigten Trommelspieler sowie über die Verköstigung der Tänzer und der während der mehrtägigen Tanzzeremonie anwesenden Gäste. Der Mann der Patientin kauft für sie die vom <i>pepo</i> gewünschten Kleider.
</p><p>Ralph Skene listet die Namen von zwölf Geistergruppen, die seinerzeit in <a href="Malindi" title="Malindi">Malindi</a> bekannt waren, darunter <i>kipemba</i> (von Pemba), <i>kiarabu</i> (Araber), <i>kisomali</i> (Somali, muslimisch), <i>kinubi</i> (nur weiter südlich im <a href="Kilifi_County" title="Kilifi County">Kilifi County</a> aktiv, muslimisch), <i>kihabshi</i> (Äthiopier, seinerzeit inaktiv), <i>kiynika</i> (gutartig, verursacht höchstens Kopfschmerzen oder Erkältung, keine Besessenheit), <i>kigalla</i> („Galla“, abwertend für Oromo) und <i>kisanye</i> (äußert sich in <a href="Dahalo_(Sprache)" title="Dahalo (Sprache)">Dahalo</a>-Sprache, ansonsten wie <i>kigalla</i>).
</p><p>Bei einer Zeremonie für <i>pepo ya kigalla</i> dauert die Dampfbehandlung bis zu sieben Tage. Spätestens dann sollte sich der <i>pepo</i> zu Wort gemeldet haben. Nun folgt ein siebentägiges Tanzfest, vor dessen Beginn die Patientin oder der Patient in ein weißes Hüftuch und ein weißes Hemd gekleidet wird. Beim <i>ngoma ya pepo</i> tanzen meist Frauen zur Begleitung der fast immer männlichen Trommler. Jeweils morgens und abends finden zwei- bis dreistündige Tanzzeremonien in einem Raum statt, in dem sich nur die Tänzerinnen, Trommler, Patient und der Heiler aufhalten dürfen. Üblicherweise beginnt sich am dritten Tag der Geist im Patienten bemerkbar zu machen. Mit zuckenden Schultern im Rhythmus der Trommeln erhebt sich die Patientin langsam von ihrem Sitz und reiht sich unter die Tänzerinnen. Zwischendurch werden die Opfergaben gebracht und diverse rituelle Handlungen durchgeführt. Erst am letzten Tag, wenn die Patientin als so gut wie geheilt gilt, begibt sich die Gesellschaft zum Tanzen ins Freie.<sup id="cite_ref-53" class="reference"><a href="#cite_note-53"><span class="cite-bracket">[</span>53<span class="cite-bracket">]</span></a></sup> Das Ritual für die <i>kipemba</i>-Geister dauert elf Tage, für andere Geister ist es kürzer. Während der Behandlung werden die im ersten Teil des Rituals geäußerten Wünsche des Geistes erfüllt, wodurch dieser besänftigt und zum Verlassen des Patienten angeregt werden soll. Das übliche Tieropfer ist eine Ziege, deren Blut der Geist (bzw. der Patient) zu trinken bekommt. Blut gilt als der Sitz der Seele und beinhaltet die Lebenskraft. Blut trinken am Ende einer Initiation kann für ein Medium das Bündnis mit einem Geist bedeuten. Es besteht kein Zusammenhang zwischen dem Trinken von Blut als Nahrung, wie es im Landesinnern vorkommt (Rinderblut bei den <a href="Massai" title="Massai">Massai</a>) und bei Besessenheitsritualen. Das rituelle Trinken von Blut ist im südlichen Afrika auf die Ostküste und das unmittelbare Hinterland beschränkt und deckt sich mit der dortigen Verbreitung der <i>zar-</i> und <i>pepo</i>-Kulte und der angolanischen Besessenheitskulte.<sup id="cite_ref-54" class="reference"><a href="#cite_note-54"><span class="cite-bracket">[</span>54<span class="cite-bracket">]</span></a></sup>
</p><p>Zu manchen Tanzritualen gehört – dem Wunsch des Geistes entsprechend, dass der Patient an einem der letzten Tage auf einer Ziege oder einem Rind reitet. Mit dem Abschluss der <i>ngoma</i>-Tanzzeremonie ist der Geist nicht endgültig aus dem Patienten verschwunden, weshalb die vom gleichen Geist heimgesuchten Menschen einander im Allgemeinen in einer Notgemeinschaft verbunden bleiben.<sup id="cite_ref-55" class="reference"><a href="#cite_note-55"><span class="cite-bracket">[</span>55<span class="cite-bracket">]</span></a></sup> Die Heilung ist unvollständig. Dies erlaubt der durch einen Geist, also ohne eigenes Verschulden krank gewordenen Person, auf weitere Behandlung Anspruch zu erheben.
</p><p>Ergänzend zu der von Ralph Skene (1917) geschilderten Praxis verweist Linda L. Giles (1987) auf einen Unterschied: die Arbeitsteilung zwischen einem Heiler für den ersten und einem weiteren Heiler für den zweiten Teil der Zeremonie. Die Diagnose stellt laut Giles ein Heiler/Wahrsager (<i>mganga</i> oder <i>fundi</i>) oder ein spezieller islamischer Wahrsager (<i>mwalimu,</i> Plural <i>walimu,</i> Swahili „Lehrer“). Der Wahrsager führt nur in manchen Fällen die anschließende Tanzzeremonie selbst durch, meistens schickt er den Patienten zu einem geeigneten Heiler weiter. Der Geist muss nur dann ausgetrieben werden, wenn er sich als böswillig oder nutzlos erweist. Ansonsten wird erstrebt, ein verständiges Auskommen zwischen dem Geist und dem Kranken zu erreichen. Falls es sich um einen besessen machenden Geist handelt, wird oftmals versucht, den Geist zu einem regelmäßigen Aufenthalt im Menschen (im Patienten und manchmal auch im Heiler) zu bewegen, sodass der Mensch zum „Stuhl“ (Swahili <i>kiti</i>) des Geistes wird. Der „Stuhl“ in der Bildsprache der Swahili entspricht in anderen Besessenheitskulten der Vorstellung vom Besessenen als „Pferd“, auf dem der Geist reitet. Falls die Beteiligten zu dem Ergebnis gekommen sind, dass der Geist zukünftig regelmäßig von dem Menschen Besitz ergreifen wird, vereinbaren sie, für den Geist mindestens einmal im Jahr eine Opferzeremonie (Teller mit Nahrung und Räucherstäbchen, dazu ein Tieropfer) oder eine Form der mehrtägigen, aufwendigen und teuren Tanzzeremonie zu veranstalten.<sup id="cite_ref-56" class="reference"><a href="#cite_note-56"><span class="cite-bracket">[</span>56<span class="cite-bracket">]</span></a></sup>
</p>
<div class="mw-heading mw-heading2"><h2 id="Soziale_Stellung_der_Besessenheitskulte">Soziale Stellung der Besessenheitskulte</h2></div>
<p>Durch die Identifizierung des Geistes und die anschließende Tanzzeremonie ist der Besessene zu einem <a href="Initiation" title="Initiation">initiierten</a>, vollwertigen Mitglied des Kults geworden. Das Kultmitglied (<i>mtege</i> oder <i>mteje,</i> Plural <i>watege</i> oder <i>wateje</i>) sollte regelmäßig die Veranstaltungen der Kultgruppe und Tanzzeremonien von anderen Besessenen besuchen. Vielleicht gibt der Geist zu erkennen, dass das Kultmitglied berufen ist, innerhalb der Gruppe eine höhere Position einzunehmen und zu einem Heiler aufzusteigen. Außer über Wissen und Fähigkeiten (<i>fundi</i> bedeutet „qualifizierte Person“, „Experte“) zu verfügen, sollte der Betreffende sich regelmäßig an den Kosten der Veranstaltungen beteiligen, wenn er als Heiler anerkannt werden will. Ein professioneller Heiler und Wahrsager besitzt eine eigene Medizinsammlung, die er in einer Tasche (<i>mkoba,</i> Plural <i>mikoba</i>) aufbewahrt. Hat der Heiler diesen Status erreicht, kann er selbst Patienten behandeln und nach einiger Zeit eine Kultgruppe um sich scharen. Der Heiler kann seine magischen und hellseherischen Fähigkeiten von einem der gutwilligen Geister beziehen, die auch als Schutzgeister bekannt sind.<sup id="cite_ref-57" class="reference"><a href="#cite_note-57"><span class="cite-bracket">[</span>57<span class="cite-bracket">]</span></a></sup>
</p><p>Die Besessenheit von einem Schutzgeist ist manchmal vererbt, wie <a href="Carl_Velten" title="Carl Velten">Carl Velten</a> (1903) beschreibt.<sup id="cite_ref-58" class="reference"><a href="#cite_note-58"><span class="cite-bracket">[</span>58<span class="cite-bracket">]</span></a></sup> Die Eltern sagen zu ihrem Schwiegersohn:
</p>
<dl><dd>„Deine Frau hat den <i>pepo</i> von ihrer Großmutter geerbt, und der ist es auch, der sie jetzt krank macht. Als sie nämlich noch klein war, haben wir ihr den <i>pepo</i> ihrer Großmutter in den Kopf steigen lassen und zu dem <i>pepo</i> gesagt: ‚Sorge für die Erziehung und das Wachstum dieses Kindes, später, wenn sie einen Mann bekommt, werden wir dir deine Mulde (mit Geschenken) geben. Die Großmutter ist jetzt gestorben, und da der <i>pepo</i> seine Mulde haben will, hält er sich an ihre Enkelin’.“</dd></dl>
<p>Falls der Mann auf die Worte seiner Schwiegereltern hört und sagt: „’Meine Frau hat wirklich einen <i>pepo,</i> ich will ihn austreiben lassen’ (<i>ku-punga</i>), dann freuen sich die Alten sehr...,“ ansonsten würden sie ihn einen Geizhals nennen.<sup id="cite_ref-59" class="reference"><a href="#cite_note-59"><span class="cite-bracket">[</span>59<span class="cite-bracket">]</span></a></sup> Velten fährt mit der Beschreibung der siebentägigen Dampfbehandlung fort. Mit „Mulde“ meint Velten eine Vertiefung am Boden in der eigens für die Durchführung der Zeremonie errichteten Hütte, in der die Opfergaben ausgebreitet werden.<sup id="cite_ref-60" class="reference"><a href="#cite_note-60"><span class="cite-bracket">[</span>60<span class="cite-bracket">]</span></a></sup>
</p><p>Unter den Swahili an der Küste praktiziert eine – nach Giles (1987) kleiner werdende – Minderheit Besessenheitskulte. Wie groß die Zahl der aktiven Kultteilnehmer ist, lässt sich für Außenstehende schlecht beurteilen. Die Beteiligten gehören allen ethnischen Gruppen und allen gesellschaftlichen Schichten an; dies bezieht sich sowohl auf einfache Teilnehmer, als auch auf anerkannte Heiler. Giles befragte zwei Heilerinnen aus gebildeten, islamischen Familien, deren Söhne oder Brüder ebenfalls an Besessenheitskulten teilnahmen. Eine der Heilerinnen gab zuvor Koranunterricht. In der Stadt Sansibar pflegten Angehörige der aus Arabern und Swahili bestehenden Oberschicht (Omani) die Besessenheitskulte der äthiopischen (<i>kihabeshia</i>) und der madegassischen Geister (<i>kibuki</i>). Der <i>habeshia</i>-Kult wurde früher von Mitgliedern der Sultansfamilie mit pompösen Zeremonien praktiziert. Der <i>kibuki</i>-Kult in Sansibar wird vor allem von Frauen und ferner von unverheirateten männlichen Homosexuellen praktiziert, Kjersti Larsen (2008) interpretiert ihn für die beteiligten Männer als Ausdruck der geschlechtlichen Identitätsbestimmung einer randständigen Gruppe in der Gesellschaft<sup id="cite_ref-61" class="reference"><a href="#cite_note-61"><span class="cite-bracket">[</span>61<span class="cite-bracket">]</span></a></sup>.<i>Kibuki</i> benötigt ebenfalls teure Zeremonien, die häufig von reichen Frauen aus dem Mittleren Osten, besonders aus Oman, finanziert werden, die sich eigens für ihre Behandlung nach Sansibar begeben. Umgekehrt reisen bekannte Wahrsager/Heiler regelmäßig zu ihrer Kundschaft nach Oman.
</p><p>Anders als etwa der in Ägypten und im Sudan marginalisierte <i>zar</i>-Kult gibt es in Ostafrika beträchtliche Überschneidungen zwischen den Glaubensvorstellungen des orthodoxen Islam und den Besessenheitskulten. Dschinn werden im Koran erwähnt, Muslime erkennen daher grundsätzlich die Existenz von Geistern an, nur ist der Umgang mit ihnen nicht klar geregelt und von den einen praktizierte Formen des Geisterkults betrachten andere als <a href="Schirk" title="Schirk">Schirk</a>. Laut einer 2010 veröffentlichten Studie sind sich muslimische Geistliche der Swahili uneins über die Frage, ob der Koran alle Formen magischer Praktiken verbietet oder nicht. Von den 60 Befragten antworteten 53 Prozent mit Ja und 45 Prozent mit Nein. 45 Prozent meinten, dass der Islam zwischen guter und schlechter <a href="Magie" title="Magie">Magie</a> unterscheidet. Dass Wahrsagerei, ob zulässig oder nicht, prinzipiell existiert, wird aus <a href="Sure_2" class="mw-redirect" title="Sure 2">Sure 2</a>:102 herausgelesen. Auf die direkte Frage, ob der Islam Wahrsagerei erlaube, antworteten alle Befragten im Widerspruch zu den genannten Angaben mit Nein, weil sie mit dem Wort Wahrsagerei <a href="Aberglaube" title="Aberglaube">Aberglauben</a> verbinden, womit sie nichts zu tun haben wollen.<sup id="cite_ref-62" class="reference"><a href="#cite_note-62"><span class="cite-bracket">[</span>62<span class="cite-bracket">]</span></a></sup>
</p><p>In der Swahili-Kultur ist Wahrsagerei nicht wie schwarze Magie und Hexerei nach der allgemeinen islamischen Tradition ein Werk gefallener Dschinn, sondern eine Hilfe wohlwollender Schutzgeister für den Menschen.<sup id="cite_ref-63" class="reference"><a href="#cite_note-63"><span class="cite-bracket">[</span>63<span class="cite-bracket">]</span></a></sup> Wahrsager/Heiler (<i>waganga</i>), die im islamischen Kontext wirken, werden <i>waganga wa kitabu</i> („Heiler des Buches“) genannt. Die übrigen Heiler heißen <i>waganga wa pepo</i> (<i>waganga wa sheitani</i>) und ihre Methoden gelten als „afrikanisch“, auch wenn sie sich nur wenig unterscheiden. Die koranischen Heiler (<i>walimu</i>) führen mit ähnlichen Methoden Besessenheitsrituale durch und bringen Opfer dar, während sie Koranverse vortragen. Lediglich die Initiation des Patienten in den Kultbund mit der Trommel- und Tanzzeremonie <i>ngoma</i> unterscheidet die <i>waganga wa pepo</i> von den <i>waganga wa kitabu</i>. Die koranischen Heiler besitzen eigene, sehr mächtige Besessenheitsgeister der islamischen Kategorie <i>ruhani</i>. Diese gehören zu den häufigsten Geistern, die Besessenheit auslösen. In Mombasa agieren Kultgruppen, die <i>ruhani</i>-Geister mit islamischen <i><a href="Dhikr" title="Dhikr">dhikri</a></i>-Zeremonien behandeln, neben den Kultgruppen, die mit Trommeln und Tanz <i>ngoma</i>-Zeremonien für andere Geister durchführen.<sup id="cite_ref-64" class="reference"><a href="#cite_note-64"><span class="cite-bracket">[</span>64<span class="cite-bracket">]</span></a></sup>
</p><p>Veröffentlichungen vom Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts beschreiben Besessenheitskulte an der ostafrikanischen Küste als weit verbreitet. Demgegenüber wird in Untersuchungen vom Ende des 20. Jahrhunderts von einem allgemeinen Rückgang der Kulte berichtet. Ein Grund, der vor allem die Insel Pemba betrifft, ist die Verarmung der einfachen ländlichen Bevölkerung, die Schwierigkeiten hat, die als Opfergaben von manchen Geistern verlangten Luxuswaren und die Gesamtkosten der Zeremonie zu finanzieren. Zugleich ist der Glaube an Geister rückläufig. Ausnahmen sind der weiterhin lebendige <i>kibuki</i>-Kult in der Stadt Sansibar und andere Kulte in einigen großen Städten wie Mombasa, <a href="Tanga_(Tansania)" title="Tanga (Tansania)">Tanga</a> und <a href="Wete" title="Wete">Wete</a> auf der Insel Pemba. Der Trend zur Verstädterung der Geisterkulte wird mit dem besseren Organisationsgrad der städtischen Bevölkerung, der leichteren Verfügbarkeit der benötigten Konsumgüter und Requisiten sowie einer in den Städten höheren Neigung erklärt, soziokulturelle Nischen zu bilden.<sup id="cite_ref-65" class="reference"><a href="#cite_note-65"><span class="cite-bracket">[</span>65<span class="cite-bracket">]</span></a></sup>
</p>
<div class="mw-heading mw-heading2"><h2 id="Literatur">Literatur</h2></div>
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<li><a href="Beatrix_Heintze" title="Beatrix Heintze">Beatrix Heintze</a>: <i>Besessenheits-Phänomene im mittleren Bantu-Gebiet.</i> (<a href="Studien_zur_Kulturkunde" title="Studien zur Kulturkunde">Studien zur Kulturkunde</a>, Band 25) Franz Steiner, Wiesbaden 1970</li>
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<li>Kjersti Larsen: <i>Where humans and spirits meet: The politics of rituals and identified spirits in Zanzibar.</i> Berghahn, New York/Oxford 2008</li>
<li>Ralph Skene: <i>Arab and Swahili Dances and Ceremonies.</i> In: <i>The Journal of the Royal Anthropological Institute of Great Britain and Ireland,</i> Bd. 47, Juli–Dezember 1917, S. 413–434</li>
<li><a href="Carl_Velten" title="Carl Velten">Carl Velten</a>: <i>Sitten und Gebräuche der Suaheli nebst einem Anhang über Rechtsgewohnheiten der Suaheli.</i> Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1903, S. 176–206 (<a rel="nofollow" class="external text" href="https://archive.org/details/sittenundgebruc00veltgoog">bei Internet Archive</a>)</li></ul>
<div class="mw-heading mw-heading2"><h2 id="Weblinks">Weblinks</h2></div>
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<div class="mw-heading mw-heading2"><h2 id="Einzelnachweise">Einzelnachweise</h2></div>
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/* start https://de.wikipedia.org/ */
.mw-parser-output .webarchiv-memento a{color:inherit}
/* end https://de.wikipedia.org/ */
</style><a rel="nofollow" class="external text" href="https://web.archive.org/web/20080719214012/http://www.siltie.com/files/penetration_of_islam_in_east_africa.htm.pdf"><i>Penetration of Islam in Eastern Africa.</i></a> (<span class="webarchiv-memento"><a href="Webarchivierung#Begrifflichkeiten" title="Webarchivierung">Memento</a></span> vom 19. Juli 2008 im <i><a href="Internet_Archive" title="Internet Archive">Internet Archive</a></i>) Muscat, Oman 2006, S. 8</span>
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